Grenzland Europa: Unterwegs auf einem neuen Kontinent (German Edition) by Schlögel Karl

Grenzland Europa: Unterwegs auf einem neuen Kontinent (German Edition) by Schlögel Karl

Author:Schlögel, Karl [Schlögel, Karl]
Language: deu
Format: epub
Publisher: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Published: 2013-09-29T22:00:00+00:00


RUSSISCHER RAUM

Es sind nicht wenige in meiner Generation, die mit guten Gründen darauf hoffen konnten, noch ein Russland zu erleben, das die Schrecken des 20. Jahrhunderts und die Zeit der postsowjetischen Wirren endgültig hinter sich gebracht haben wird. Ein Russland jenseits der Exzesse, utopischen Versprechungen und unermesslichen Opfer, Russland endlich als ein nur »normales Land wie andere auch«! Nun ist längst klar, dass die Geschichte sich nicht an Programme oder Fahrpläne hält, dass Russland seine eigenen Wege geht und sich die Zeit nimmt, die es für sich braucht. Das ist gewöhnlich die Stunde der Resignation und der Enttäuschung besonders bei jenen – zu denen ich mich auch rechne –, die sich nun schon fast ihr ganzes Leben auf dieses Land eingelassen haben. Schmerz unerwiderter Liebe schwingt da mit, noch mehr aber Ratlosigkeit. Tjutschews Diktum, dass Russland mit dem Verstand nicht zu begreifen sei, scheint wieder einmal, wie oft schon, bestätigt. Aber man könnte auch sagen: Es ist die Stunde, in der wir unsere Kategorien, unsere Maßstäbe, unsere analytische Matrix überprüfen und uns einlassen müssen auf Untersuchungen mit offenem Ausgang. Ratlosigkeit ist dann nicht billige Ausrede für das Hinnehmen dessen, was ohnehin geschieht, sondern die Bereitschaft, neues, ungesichertes Terrain zu begehen. Offensichtlich ist das Auseinanderbrechen eines über Jahrhunderte hin gewachsenen und nicht nur durch Gewalt zusammengehaltenen imperialen Raums ein Vorgang, der sich nicht in schlichten Modellen einer Transition von A nach B beschreiben und erfassen lässt. Offensichtlich ist es eine Illusion der Machthaber wie der Analytiker gleichermaßen, sich als Herr eines Verfahrens zu sehen, wo sie in Wahrheit doch nur Getriebene oder teilnehmende Beobachter sind – bestenfalls. Russland wird auch in Zukunft die Anhänger des wildesten Denkens in Atem halten. Vielleicht ist jetzt erst der Zeitpunkt gekommen, in dem eine der radikalsten Selbstreflexionen der russischen Intelligenzija – der Essayband »Wegzeichen« aus dem Jahre 1909, erschienen wenige Jahre nach der ersten russischen Revolution – endlich ihr spätes Echo in Resteuropa findet.



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